Ein sinnloser Tod, oder auch nicht?

Es ist geschehen. Mein erster Toter in D&D.
Ist doch völlig normal, das gehört zu D&D wie die Butter auf das Brot, meint ihr?

Zum Teil stimme ich euch zu. Was wäre ein Abenteuer, ohne die Gefahr dabei auch falsche Entscheidungen zu treffen und in das eigene Verderben zu laufen?
Ohne das Wissen, dass eine falsche Entscheidung das Ende des geliebten Spielercharakters bedeuten könnte wäre das Spiel langweilig. Es geht um Helden, Monster und lebensbedrohliche Situationen aus denen man eben entweder aufrecht heraus spaziert, oder in Stücken hinausgetragen wird.

Aber ist jeder Tod auch ein Heldentod?
Muss jeder Tod ein Heldentod sein?

Wann ist es die Schuld des Spielers, weil er falsche Entscheidungen getroffen hat, wann ist es die Schuld des DMs, weil er sich schlecht vorbereitet hat und wann ist es einfach Schicksal?

In diesem Fall war es Schicksal – in D&D durch die Würfel repräsentiert – und es hat mich vor das Dilemma gestellt: Soll ich es zulassen, oder soll ich als DM eingreifen und es verhindern?


Aber beginnen wir doch am Anfang:

Die Gruppe war dabei eine Brücke zu überqueren, die sich in etwa 200 Metern Höhe vor einem Wasserfall über eine Schlucht erstreckt. Durch den konstanten Sprühnebel des Wasserfalls ist die Brücke rutschig und nur mit etwas Geschick ohne peinliche Ausrutscher zu meistern.

An dieser Stelle sollte ich sagen: Diese Passage war zu keiner Zeit als Encounter gedacht. Es war ein Hindernis, dass mehr der Atmosphäre der Geschichte geschuldet war, als eine Herausforderung für die Gruppe darzustellen.

Rutschige Brücke (DC 5 DEX) – sonst rutscht der Spieler aus und fällt hin.

Soweit war noch alles gut. Der erste Spieler ist auf die Brücke gegangen, hat schlecht gewürfelt (4) und ist ausgerutscht und auf seinem Hosenboden über den Schlick der sich auf der Brücke gebildet hat wieder hinunter gerutscht.

Die Spieler hatten ihren Spaß, haben sich gegenseitig aufgezogen und sind großspurig auf die Brücke gegangen um entweder stolz auf die andere Seite zu gelangen, oder eben auf die Schnauze zu fallen.

Einer der Spieler ist sogar auf die Idee gekommen ein Seil zu spannen, damit die anderen sich festhalten können.


Und hier habe ich rückblickend den entscheidenden Fehler gemacht:
Anstatt zuzulassen, dass das Seil den DC5 eliminiert und die Gruppe nun ohne DEX-Check über die Brücke gehen kann, habe ich sie weiter würfeln lassen. So nach dem Motto „Na, da muss schon ein Natural1 kommen, damit noch was passiert“.

Aber Murphys Law ist Murphys Law.

„Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen.“

Und wenn man darüber nicht vorher nachdenkt, dann passiert natürlich genau das Folgende:


Das Drama
Alanis, die Bogenschützin der Gruppe betritt die Brücke, hält sich am Seil fest und ich lasse sie würfeln.

Sie würfelt natürlich eine 1

Ich denke mir noch – cool, das wird sicher unterhaltsam und lasse sie ausrutschen und über die Brüstung fallen. Da sie sich am Seil festhält, würfle ich ob das Seil auch hält (es war um einen alten Steingargoyle gewickelt).

Ich würfle eine 1

So. Stress. Der Gargoyle bricht ab. Nagut – zum Glück ist das Seil ja auf der anderen Seite um einem Baum gebunden. Alanis schwingt zusammen mit dem Seil und es verfängt sich in der Mitte der Brücke. (Die Idee war, dass Sie wieder auf die Brücke klettert). Ich lasse sie also einen Strenght Check machen, ob es ihr gelingt sich hoch zu ziehen.

Sie würfelt erneut eine 1

Was mache ich jetzt!? Die verdammte Brücke hängt 200 Meter über dem Abgrund und ein Sturz ist tödlich. Aber sie hat schon wieder eine 1(!) gewürfelt.
Zu diesem Zeitpunkt bleibt mir eigentlich nur noch, ihr einen letzten Rettungswurf zu erlauben und zu beten. Ich sage ihr, dass sie vom Seil abrutscht, und in die Tiefe taumelt. Verzweifelt versucht sie das Ende mit dem Gargoyle, das ein paar Meter unter ihr baumelt zu greifen.

Und sie würfelt erneut eine 1

Und Vorhang. Mir bleibt keine andere Wahl, als Alanis in den Abgrund stürzen zu lassen. Aus so einer Höhe ist auch eine Wasseroberfläche hart wie Beton und natürlich überlebt sie den Schaden nicht (den ich in meiner Verzweiflung schon reduziert hatte).

Die Spieler sind den ganzen Weg hinunter geeilt und haben den Fluß und die Ufer abgesucht, bis sie schließlich Alanis Leichnam finden konnten. Ein Priester in einer nahegelegenen Stadt konnte sie dann auch schließlich wiederbeleben. Aber dazu später.


War das Ganze notwendig?
Als DM habe ich einen Fehler gemacht. Ich glaube man sollte sich permanent der Launen der Würfel bewusst sein. Ich hätte vorhersehen müssen, das so etwas passieren kann und darauf vorbereitet sein müssen. Ich habe frei-schnauze improvisiert ohne darüber nachzudenken wohin das führen kann.

Statt die Gruppe dafür zu honorieren, dass sie ein Seil gespannt hat, habe ich weiter würfeln lassen, weil ich es für lustig empfunden habe.

Klar, die Brücke darf rutschig sein. Man darf darauf würfeln ob man rüber kommt. Und man kann auch kritisch daneben würfeln. Aber man muss als DM wissen das es passieren kann und sollte vorbereitet sein:


Rutschige Brücke (DC 5 DEX) – sonst rutscht der Spieler aus und fällt hin. (Natural 1: Der Spieler bricht sich die Nase und nimmt 1d4 Schaden).


Auf keinen Fall sollte man sich ungewollt in Situationen bringen, die sich durch schlechte Würfe noch drastischer verschlimmern könnten.

Und schließlich sollte man wissen wann es gut ist, und wann man ein Hindernis als „überwunden“ betrachten muss. Spaß hin oder her. Ein Spieler war drüben, hat das Seil gespannt und damit hätte ich diesen Abschnitt beenden müssen.

Das Resultat war, dass die ganze restliche Session dafür drauf gegangen ist, dass die Gruppe nun Alanis wieder in eine Stadt schleppt und dort wiederbelebt. Wegen einer Brücke, oder besser wegen mir.


Der Tod von Alanis hatte auch gute Aspekte. Die Gruppe hat gelernt, dass die Welt selbst ebenfalls tödlich sein kann. Angelika, die Alanis spielt wurde vor die Wahl gestellt ob sie Alanis weiter spielen will (Wiederbelebung) oder ob Sie einen neuen Charakter anfangen möchte. Sie hat dabei etwas sehr schönes gesagt: „Ich bin noch nicht fertig mit Alanis, ich habe das Gefühl da steckt noch etwas in ihr drin, dass ich selbst noch nicht gefunden habe“.

Klar, wer will schon seinen Hauptcharakter gehen lassen, weil er von einer Brücke gefallen ist?

In Summe habe ich aber den Eindruck, dass ich die Gruppe (und auch mich selbst) um einen epischen ersten Tod betrogen habe.

Ok, zugegeben, auf eine komödiantische Art und Weise war der Tod episch. Ich meine, wie wahrscheinlich ist es so viele Einsen hintereinander zu kassieren? Aber dennoch – ich hätte den ersten Charakter lieber an einen fiesen Encounter verloren, den sich die Gruppe selbst eingebrockt hat, anstatt an eine Brücke.

Noch falscher wäre nur noch gewesen, die Gruppe selbst um diesen Tod zu betrügen und als Deus ex Machina einzugreifen:

„Ok. Du greifst zwar daneben, aber dein Umhang verhängt sich am Gargoyle und Du baumelst hilflos unter der Brücke.“

Nicht dass ich nicht darüber nachgedacht habe, aber es wäre die denkbar schlechteste Entscheidung gewesen. So weiß die Gruppe jetzt zumindest, dass auch ich mich dem Spielfluss unterordne und es am Ende bei den Würfeln liegt und niemals beim DM. Ich glaube dass das wichtig ist, denn so bleibt es die Geschichte der Spieler und nicht nur die Geschichte des DMs.

2 Gedanken zu „Ein sinnloser Tod, oder auch nicht?“

  1. Wow! 4 critical Fails hintereinander. Ich glaub damit rechnet kein DM. Ich finde es gut, dass du nicht „Deus ex Machina“-Style eingegriffen hast, schließlich haben die Würfel eindeutige Worte gesprochen.

    Ich freu mich übrigens, dass du wieder einmal was gepostet hast. Ich fange gerade erst an, mich für D&D zu begeistern. Nächste Woche halte ich meine erste Session (gleich als DM), und dein Blog bietet mir viel Inspiration.

    1. Ich glaube auch, dass wenn man soweit drinnen ist, dann sollte man sich seinem Schicksal ergeben und es zu Ende spielen. Eingebrockt habe ich es mir ja selber…

      Ich wünsche Dir viel Erfolg bei Deiner ersten Sitzung 😉

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